Ghosting Ursachen sind vielfältiger als man denkt, denn Ghosting ist längst kein Dating-Phänomen mehr. Es passiert im Business, im Alltag, unter Kolleginnen, zwischen Kundinnen und Dienstleistern, in Freundschaften, in Bewerbungsprozessen. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Anfragen verschwinden im Nichts. Man wartet, fragt nach, wartet wieder, und irgendwann wird klar: da kommt nichts mehr. Es gibt sogar schon einen eigenen Begriff dafür: Ghost Working, die unsichtbare Erosion der Arbeitswelt.
Das Thema ist gerade überall. Und ich habe dazu eine Meinung die sich von dem unterscheidet was die meisten dazu sagen.
Ghosting Ursache 1: echte Überforderung
Die gängige Erklärung lautet: die Menschen sind überfordert, die Postfächer sind voll, niemand hat mehr Zeit für alles. Und das stimmt tatsächlich öfter als wir denken, weil die schiere Menge an Nachrichten, Anfragen und Reizen die täglich auf uns einprasselt irgendwann eine Grenze erreicht wo man schlicht nicht mehr hinterherkommt, auch wenn man es gerne würde.
Und dann gibt es noch etwas das ich für mindestens genauso relevant halte: Man würde gerne antworten, findet aber gerade keine Zeit dafür, und genau das will man nicht zugeben. Denn „keine Zeit“ oder „gerade kein Budget“ sind Sätze die sich anfühlen wie Stempel die man sich ungern aufdrücken lässt, besonders in einem Umfeld wo Stärke und Verfügbarkeit erwartet werden. Und bevor man sich dafür rechtfertigen muss, besonders gegenüber Menschen die dann nachhaken und nachhaken und nachhaken, ghostet man lieber. Nicht unbedingt wegen der Person selbst, sondern weil man aus Erfahrung weiß was danach kommt.
Und trotzdem glaube ich dass da noch eine tiefere Ghosting Ursache steckt. Denn wenn es wirklich nur Überforderung wäre, würden wir irgendwann nachholen was liegen geblieben ist. Oft passiert das aber nicht.
Ghosting Ursache 2: die Unfähigkeit Nein zu sagen
Ich glaube dass Ghosting in vielen Fällen aus einer einzigen Quelle kommt: der Unfähigkeit Nein zu sagen. Und dahinter steckt fast immer die Angst vor Diskussion, vor Ablehnung, vor dem was passiert wenn man eine klare Meinung äußert und der andere damit nicht einverstanden ist.
Eine klare Absage zu schicken bedeutet Position zu beziehen. Es bedeutet zu sagen: das will ich nicht, das passt nicht, das interessiert mich nicht. Und genau das trauen sich viele Menschen nicht, weil sie gelernt haben dass eine klare Aussage Konflikte auslösen kann, Enttäuschung erzeugt, vielleicht jemanden verärgert. Und das fühlt sich gefährlich an, auch wenn man das rational betrachtet völlig anders einschätzen würde.
Also wird lieber geschwiegen. Weil Schweigen sich anfühlt als hätte man nichts getan, als hätte man niemanden verletzt, als wäre man aus der Situation herausglitten ohne Spuren zu hinterlassen.
Was Ghosting wirklich kostet
Für denjenigen der geghostet wird: Zeit, Energie, Unsicherheit. Man weiß nicht ob die Nachricht angekommen ist, ob man etwas falsch gemacht hat, ob man noch warten soll oder loslassen. Man dreht sich im Kreis statt weiterzumachen.
Für denjenigen der ghostet: das schlechte Gewissen das irgendwo im Hintergrund läuft und Energie frisst, auch wenn man es verdrängt. Und langfristig die Bestätigung dass man Konflikte nicht aushält, was das nächste Mal nicht einfacher macht.
Was Ghosting Ursachen mit Grenzen setzen zu tun haben
Nein sagen ist eine Fähigkeit. Sie ist nicht selbstverständlich, sie wird nicht automatisch mitgegeben, und für viele Menschen ist sie mit einer inneren Überzeugung verknüpft die lautet: wenn ich Nein sage, verliere ich etwas. Zuneigung, Zustimmung, eine Möglichkeit, einen guten Ruf.
Wer gelernt hat dass die eigene Meinung gefährlich ist, dass Ablehnung persönlich genommen wird, dass Harmonie wichtiger ist als Klarheit, der entwickelt Strategien um Konfrontation zu vermeiden. Ghosting ist eine davon. Prokrastination ist eine andere. Halbherzige Zusagen die man nie einlöst wieder eine andere.
Das Gegenteil davon ist nicht Konfrontation. Das Gegenteil ist eine klare, freundliche, knappe Antwort. „Im Moment passt das nicht.“ „Danke, kein Interesse.“ „Ich melde mich wenn sich das ändert.“ Drei Sätze die jedem weiterhelfen, auch wenn sie im ersten Moment unangenehm zu schreiben sind.
Was das über uns als Gesellschaft aussagt
Dass Ghosting so verbreitet ist und so wenig hinterfragt wird sagt etwas darüber aus wie wir mit Ablehnung, mit Klarheit und mit uns selbst umgehen. Wir haben kollektiv verlernt Nein zu sagen ohne uns dafür zu entschuldigen. Wir haben gelernt zu verschwinden statt zu sprechen, weil wir nicht wissen wie wir mit den Konsequenzen eines klaren Wortes umgehen sollen, und weil wir uns nicht leisten wollen als schwach, als beschäftigt, als nicht verfügbar zu gelten.
Das ist keine Frage der Höflichkeit. Das ist eine Frage wie gut man sich selbst kennt, wie viel man sich selbst vertraut, und ob man bereit ist für das eigene Nein einzustehen auch wenn der andere enttäuscht ist.
Wer das kann, muss nicht ghosten.
Wenn du merkst dass dir das Nein-Sagen schwerfällt, dass du lieber abtauchst als unbequeme Wahrheiten auszusprechen, oder dass du Angst hast als jemand zu gelten der keine Zeit, kein Geld oder keine Kapazität hat, dann ist das kein Charakterfehler. Es ist ein Muster, und Muster lassen sich verändern.
Manchmal sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. Es lohnt sich ab und zu innezuhalten und ehrlich hinzuschauen: Welche Nachrichten liegen seit Wochen unbeantwortet in meinem Postfach? Gibt es Menschen in meinem Umfeld die mir schon einmal gesagt haben dass ich schwer erreichbar bin oder nicht zurückschreibe? Manchmal sind es genau diese kleinen Hinweise von außen die uns zeigen was wir selbst längst nicht mehr wahrnehmen, weil es zur Gewohnheit geworden ist.












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